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BNN, Kultur in Karlsruhe, Ausgabe Nr. 268, Seite 14, 20.11.07

Das Schwarz bleibt schwarz
Studienzentrum für Blinde und Sehgeschädigte an der Uni feierte sein 20-Jähriges

 

Es ist dunkel. Stockdunkel. Von einem Mo­ment auf den anderen steht man in einem gäh­nenden schwarzen Loch. Die totale Finsternis hat ihr riesiges Maul aufgerissen und droht ei­nen zu verschlucken. Wie angewurzelt bleibt man stehen, wartet sehnsüchtig darauf, dass sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, die Umgebung sich schemenhaft herauslöst. Nichts geschieht. Nicht einmal ein blasser Lichthauch scheint durch die Fenster und las st die Türklinken für einen Augenblick silbrig aufblitzen. Das Schwarz bleibt schwarz. So schwarz, dass man die Hände vor den Augen nicht mehr sieht und die kleinen Lichtspiele hinter den Lidern einfach ausgeknipst sind. Das Herz pocht im Hals, die Beklemmung wächst.

Die eben noch so zuverlässige Welt steht plötzlich still, ist nur noch bunte Erinnerung. Pechschwarz ist die Realität und bringt alles ins Wanken, Selbst der bis vor kurzem noch so sichere Boden bebt unter den unsicher tapsen­den Schritten und man wird das mulmige Ge­fühl nicht los, im nächsten Moment den Halt zu verlieren. Vorsichtig tasten die Hände nach ei­nem fühlbaren Anhaltspunkt, aber es bleibt ein orientierungsloses Suchen in einem un­durchdringlichen Nichts. Alles ist aus dem Gleichgewicht geraten: die Zeit, der Raum, die Orientierung. Stattdessen wächst eine hilflose Ohnmacht: Man fühlt sich ausgeliefert.

Die „Dunkelbar" war der außergewöhnliche Auftakt zur Festveranstaltung des Studien­zentrums für Blinde und Sehgeschädigte (SZS) und gab zumindest eine leise Ahnung vom Le­ben in der Dunkelheit. Angefangen hat alles 1987 mit einem Modellversuch an der Fakultät für Informatik, der Sehbehinderten mit Hilfe neuer technischer Entwicklungen das Studium in Natur-, Ingenieur- und Wirtschaftswissen­schaften eröffnen sollte. Sechs Jahre später wurde es als feste Institution der Universität Karlsruhe angegliedert: Seit 20 Jahren studie­ren nun Sehbehinderte mit Hilfe modernster Kommunikations- und Informationstechniken genauso wie alle anderen auch. Ihre technische Ausstattung ist auf persönliche Bedürfnisse zugeschnitten, die die jeweiligen Einschrän­kungen kompensieren: Durch Laptops mit Braillezeile, Softwareprogramme, die Texte in Sprache umwandeln, oder spezielle Kamera -Systeme und taktile Literatur sind sie nicht nur integriert, sondern können auch weitgehend selbständig arbeiten. Ein Mobilitätstraining zu Beginn des Studiums hilft ihnen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, sich einen inneren Wegeplan von Campus, Wohnheim und Supermarkt, von der Kneipe und vom Rat­haus zu zeichnen.

Auch der zweite Teil der Geburtstagsfeier war in tiefste Finsternis getaucht. Aber anders als in der „Dunkelbar", wo Sinne, die sonst eher ein Statistendasein fristen, plötzlich die Hauptrolle spielen müssen, begann die kultu­relle Veranstaltung bei Licht. So konnte man ein Gefühl für den Raum entwickeln, sehen, wo man hintritt, in Gesichter schauen und sich ein visuelles Bild machen. Um danach ganz in das bravouröse Spiel des blinden Musikstudenten Martin Engel einzutauchen, sich vom Klangge­flecht Beethovens, Chopins und Bachs in ande­re Sphären tragen zu lassen. Sich ganz der so­noren Stimme des Staatstheaterschauspielers Gunnar Schmidt hingeben und konzentriert dem SZS-Mitarbeiter Gerhard Jaworek lau­schen, der Lieder von Hannes Wader bis Klaus Hoffmann mit eigenem Gitarrenspiel zum besten gab.